Gedanken zum Projekt "Dach überm Kopf"
 Pfr. Georg Thaniyath

Ich bin derzeit Pfarrer in Hohenems, St. Konrad, und bin sehr froh und dankbar, dass ich Ihnen über das Projekt "Dach überm Kopf" berichten darf. In den folgenden Zeilen möchte ich Ihnen die Entstehungsgeschichte dieses Projektes näherbringen.
Meine erste Zeit als Priester verbrachte ich in Indien und erlebte hautnah die bittere Armut in meiner Heimat. Nach einem anstrengenden Sonntagvormittag wollte ich eine kurze Mittagsruhe machen. Das Schreien eines Säuglings lenkte mich von diesem Schläfchen ab. Als ich die Tür meiner Wohnung aufmachte, stand eine arme Frau vor mir. Über die pockennarbigen Wangen der armen Frau rannen Tränen. In den Falten ihres zerrissenen Saris hielt sie einen weinenden Säugling. Sie sah aus, als hätte sie drei Tage lang keine Nahrung zu sich genommen. Ich gab Ihnen etwas zu essen. Dabei erzählte sie mir über ihre Familie.
Gegen Abend stattete ich dieser Familie einen Besuch ab. Ich war geschockt, die Hütte, in der eine sechsköpfige Familie wohnte, sah folgendermaßen aus: Ein gestampfter Lehmboden und eine Zimmerdecke aus Kokos- und Bananen-palmblättern, durch die man in der Nacht die Sterne am Himmel zählen konnte. Die vier Wände bestanden aus Karton und Bambusrohr. Gut, dass es nicht Monsunzeit war, sonst wären die Wassermassen unweigerlich ins Innere der Hütte gedrungen. Kein einziges Möbelstück, keine elektrische Glühbirne, drinnen war alles dunkel. Als die Frau die Öllampe entzündete, sah ich den kranken Vater und zwei andere Kleinkinder in Lumpen gehüllt am Boden liegen. Betroffen und in verschwommenen Gedanken versunken stand ich da, als auf der Türschwelle ein in Lumpen gekleidetes, kleines, barfüßiges Mädchen mit Brennholz und Trinkwasser erschien.
Die Güte und die Menschenfreundlichkeit, die ich jahrelang erfahren durfte, forderten mein Inneres auf zu handeln. Mein Entschluss stand fest: Für diese Familie wollte ich ein kleines Haus bauen.
Wo aber die finanziellen Mittel hernehmen?
Ein spontaner Gedanke brachte mir die Erkenntnis, dass ich mein Primizgeld, das für ein Motorrad bestimmt war, für das Obdach dieser Familie umwidmen werde. So konnte diese Familie Weihnachten in ihrem Haus feiern. Diese Nachricht breitete sich wie ein Lauffeuer aus und so mancher Bittsteller legte mir dasselbe Anliegen nahe. Meine letzten Ersparnisse wurden damals von der Pfarre St. Konrad ergänzt und es wurde noch für zwei Familien ein Obdach geschaffen.
Bei einer Sonntagspredigt in meiner Pfarre in Hohenems erzählte ich von dieser Begebenheit und ein Mitarbeiter des Krankenhauses Hohenems startete spontan eine Sammlung. Die Mitarbeiter verzichteten auf die Weihnachtsgeschenke und finanzierten ein weiteres Haus. Eine Frau spendierte ein Haus, das den Namen ihres verstorbenen Mannes trägt; ein Ehepaar verzichtete sogar auf ihre Hochzeitsreise. Manche Väter und Mütter verzichteten auf Geschenke anlässlich ihrer runden Geburtstage und finanzierten so noch weitere Häuser.
Bei Todesfällen verzichteten Angehörige und Bekannte auf Blumen am Grabe und spendeten das Geld für das Projekt. Einige Familien finanzierten an Stelle ihres Sommerurlaubes mehrere Häuser für die obdachlosen Armen. Die Pfadfinder aus Hohenems brachten das Friedenslicht von Tür zu Tür und sammelten so den Betrag für zwei Häuser. Stefan Keckeis, ein junger Mann aus unserer Pfarre, erradelte mit seinem Mountainbike in einer beispielhaften Aktion insgesamt 5 Häuser. Das Institut St. Josef in Feldkirch (eine Hauswirtschaftliche Fachschule) veranstaltete eine "Indische Woche" mit folgenden Schwerpunkten: Schülerinnen sangen in der Fußgängerzone von Feldkirch Lieder, verkauften anlässlich eines "Tages der offenen Tür" Selbstgebackenes und Getränke, organisierten ein Benefizkonzert und brachten insgesamt das Geld für 10 Häuser zusammen.
Vor einigen Monaten habe ich einen Brief von einer Mutter erhalten. Ich möchte den Brief kurz zusammenfassen: "Siebzehn Jahre lang lebten wir in einer armseligen Hütte aus Kokos- und Bananenpalmblätter. Die vier Wände waren aus Karton und Bambusrohr. Es gab weder ein einziges Möbelstück, noch eine elektrische Glühbirne. Ich kann mich kaum an den Tag erinnern, an dem meine Kinder und ich je einmal satt waren und an keine Nacht, in der wir angstfrei geschlafen haben. Seit Jahren träumen meine Kinder und ich von einem warmen Nest, von einem vertrauten Schlupfwinkel. Seit Jahren suchen wir einen vollgedeckten Tisch, ein gutes, offenes, warmes und gastfreundliches Herz.
Lieber Pfarrer Georg, liebe gutherzige und gastfreundliche Mitchristen, durch eure Gebefreudigkeit und Hilfe ist nun unser Traum in Erfüllung gegangen. Nun haben wir ein wunderschönes Haus und einen Tisch. Durch euch haben wir die Güte und die Menschenfreundlichkeit Gottes sichtbar erfahren. Wir nennen unser Heim "Christusheim". Wir haben nicht Gold und Silber, um es euch zu vergelten, aber wir beten täglich für euch und eure Familien. Möge der gütige Gott dich, lieber Pfarrer Georg, deine Pfarre und die vielen gutherzigen Spender beschützen und begleiten. Der gütige Herr schenke euch viel Kraft und er stärke eure Rücken, damit ihr weiterhin durch eure Werke der Barmherzigkeit noch mehrere Menschen glücklich macht wie uns. Gott segne euch!"
Bei der Einweihung eines neuen Hauses geschah etwas Bewegendes und diesen Augenblick werde ich nie vergessen. Ein kleines Mädchen lief auf mich zu, schaute tief in meine Augen und fragte: "Bist du der liebe Gott?" Unwillkürlich flossen Tränen in meine Augen. Nein, der liebe Gott bin ich bestimmt nicht und will ich auch nicht sein. Ich bin nur ein armer, bescheidener Mensch und Priester, besser gesagt ein Bleistift in der Hand Gottes oder ein leises Sprachrohr der sprach- und obdachlosen Armen. Der "liebe Gott", das sind die Vorarlberger, die Großartiges geleistet haben. Durch ihre Gebefreudigkeit und Hilfe ist nun der Traum von tausenden Menschen in Erfüllung gegangen. Im Namen der glücklich Beschenkten sage ich allen ein herzliches "Vergelt's Gott".
Allein in Indien leben über 500 Millionen Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen. 100 Millionen leben in den Slums oder auf der Straße!
Meine Lieben, teilen macht reicher! Wo Liebe, wo Brot, wo Menschlichkeit, wo Reichtum geteilt wird, werden diese Werte und Güter nie weniger, sondern mehr. Am Ende sind wir durch das Teilen die Beschenkten. Unser Land Vorarlberg ist europaweit bekannt durch Festspiele, Wintersport und Schubertiade. Nun wissen Millionen Menschen in meiner Heimat Indien, dass es mitten im Herzen Europas ein kleines, schönes Land - namens Vorarlberg - mit vielen solidarisch denkenden und handelnden Menschen gibt.
Ich schließe diesen Bericht mit den Worten des bescheidenen Engels der Armen und der Botschafterin der Nächstenliebe, Mutter Theresa: "In jedem Armen und Kranken begegnet uns Christus in seinem geschundenen Leibe. Lasst uns nie müde werden, gemeinsam etwas Großes und Schönes für Gott und die Nächsten zu tun. Gebt bis es Euch weh tut!" 
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