Jürgen Schatz aus Götzis, 2010

Reisebericht

Jürgen Schatz, 2010Zusammen mit Pfr. Georg Thaniyath (Pfarre Hohenems St. Konrad), Pfr. Peter Joy (Pfarre Bregenz St. Gebhard) und 5 Jugendlichen der Landwirtschaftlichen Fachschule Hohenems mache ich mich - bereits zum 2. Mal - auf die Reise nach Kerala/Indien. Wieder habe ich Gelegenheit die Früchte des Projekts "Dach überm Kopf" vor Ort anzuschauen, mit der örtlichen Bevölkerung in Berührung zu kommen, Waisenheime zu besuchen und neue, interessante Eindrücke von diesem wunderschönen Land zu sammeln.

Kerala ist moderner geworden

Ich stelle zunächst einmal fest, dass der Zustand der Straßen sich seit meinem ersten Besuch 2002 sichtlich gebessert hat. Auch die Autos im Straßenverkehr sind zum Teil moderner. Wir fahren immer wieder an Baustellen vorbei, seien es Privathäuser oder Firmen/Bürogebäude. Mein Eindruck: die Bauwirtschaft boomt. Es sind auch Bauten für touristische Zwecke entstanden. Wer weiß, wie es in 10 Jahren hier aussehen wird?

Häuser von "Dach überm Kopf"

Nach ein paar Tagen der Akklimatisierung begleite ich Pfr. Georg und sein Projektteam (alle in ehrenamtlichem Einsatz) zu den ersten Hauseinweihungen. Das Ritual von herzlicher Begrüßung (stets werden Blumen überreicht, manchmal spielt sogar eine Trommlergruppe auf), Gebetsgottesdienst vor dem Hausaltar im neuen Heim, den obligaten Fotos und Videoaufzeichnungen vom Haus mit Familie, Priester, Projektbesuchern aus Österreich und einem dargereichten schlichten Imbiss (meist Kokossaft frisch aus der Nuss, vielleicht noch Kekse dazu) wiederholt sich von Haus zu Haus. Nachbarn stehen dabei und alle erleben den besonderen Moment, wie einer armen Familie Wunderbares widerfährt. Teilweise steht die frühere Behausung - ein dunkles, dreckiges Loch, hauptsächlich bestehend aus Kokospalmblättern - neben dem neuen, farbenprächtigen Haus, sozusagen als Zeuge eines früheren Lebens auf engstem Raum, in Unsicherheit, Dunkelheit, Schmutz und Armut. Ich stelle mir vor, wie es sein muss für einen pflegebedürftigen alten Menschen, in solch einer elenden Behausung liegen zu müssen. Die Vorstellung will mir nicht gelingen. Zu weit weg ist eine solche Erfahrung von meinem Leben in Österreich.

Vieles bei den Hauseinweihungen erinnert mich an die Besuche von 2002. Doch es gibt auch einen auffallenden Unterschied zu den Häusern vor 8 Jahren. Wir treten ein und mir fällt auf, dass die Wände noch nicht den letzten Anstrich erhalten haben, sie sind noch feucht. Und das wiederholt sich bei all den anderen Häusern. An einem Haus ist ein Mann mit letzten Malerarbeiten an der Außenfassade beschäftigt. Und eines der Häuser kann nicht eingeweiht werden, weil so vieles noch nicht fertig gestellt ist. Ich frage Pfr. Georg, woran es liegt, dass die Arbeiten an praktisch allen Häusern bei der Einweihung nicht abgeschlossen sind. Er zeigt mir das Dilemma auf und erklärt: die Preise für die Baumaterialien sind in den letzten 12 Monaten um etwa 20% gestiegen, im selben Zeitraum ist der Eurokurs um 20% gefallen. Das bedeutet beim Hausbau, dass ohne das Nachschießen von Geld die Bautätigkeit frühzeitig zum Erliegen kommt. Eine Lösung dieses Problems ist einerseits das Hinaufsetzen des Spendenbetrages pro Haus von dzt. € 1.800,- auf € 2.000,- und andrerseits die Erhöhung der Eigenleistung seitens der Familien, die ein Haus gespendet bekommen. Ich ahne, dass hier eine besondere Herausforderung an das für die armen Familien Menschenmögliche gestellt wird. Und auch bei den Spendern gilt es Verständnis für die Teuerung zu wecken. Es warten zu viele Familien auf eine stabile Unterkunft, die ihnen das Leben ungemein erleichtert.

Waisenheime

Ein besonderes, ja beglückendes Erlebnis war wieder der Besuch der Waisenheime. Hier finden etliche Mädchen zwischen 5 und 13 Jahren das, was ihnen ihre Eltern nicht geben können. Sei es, weil sie verstorben sind oder weil sie mittellos auf der Straße leben und ihren Nachwuchs nicht ernähren können. Diesmal machten wir ein paar Tage vor dem offiziellen Besuch eine Stippvisite. Die Mädchen hatten ihr Alltagsgewand an und ich bekam den Eindruck, in diesen Heimen muss mit dem Geld extrem gut gewirtschaftet werden, um nur einigermaßen über die Runden zu kommen. Regelmäßige Spendengelder zu erhalten sichert den Mädchen ihren Aufenthalt im Heim. Nicht auszudenken, wenn der Geldfluss plötzlich zurück ginge und Mädchen vorzeitig das Heim verlassen müssten. Es gibt sonst niemanden, der sich um diese kümmern würde. Aus diesem Hintergrund verstehe ich, dass alle im Heim sehr bemüht sind, ihren Gästen aus Österreich einen willkommenen Empfang mit einstudierten Liedern und Tänzen und einem besonderen Festmahl zu bereiten. Diesmal erlernten einige der Mädchen gar ein Instrument, um uns in Form einer Parade wie Staatsgäste zu empfangen. Ich meine, all diese Kinder haben es verdient, einen guten Start in ihr späteres Leben zu bekommen, ein Leben, in dem sie auf eigenen, festen Beinen stehen können.

Indien noch einmal besuchen?

Ja! Noch bevor ich die Heimreise antrete, spüre ich den Wunsch in mir, dieses schöne Land mit diesen liebenswürdigen Menschen ein 3. Mal zu besuchen. Werde ich nur ein moderneres Indien erleben? Oder auch ein Sozialeres? Ich hoffe, dass die Armut kontinuierlich zurück gedrängt werden wird. Die Teams von "Dach überm Kopf" (sowohl hier in Vorarlberg, als auch vor Ort in Kerala) arbeiten unermüdlich und für Gottes Lohn daran. Die Bedingungen sind härter geworden. Und es warten Tausende Familien auf ein fest gemauertes Dach überm Kopf. Schön wird es sein, wenn ich in ein paar Jahren wieder in viele dankerfüllte Gesichter schauen und erleben darf, was wieder mit vielen Spendeneuros an Gutem bewirkt werden konnte.